Die Würde des Menschen ist unantastbar (Artikel 1 Absatz 1 Grundgesetz), und das bis zum letzten Atemzug.
Die Hilflosigkeit eines Menschen, der an Sterbeverhinderungsmaschinen gekoppelt ist und von Entscheidungen ihm völlig fremden Menschen abhängig ist, hat mit Würde nicht viel zu tun. Werner Pieper bringt in dem Satz „selber Sterben statt gestorben werden“ das Problem auf den Punkt. Der Satz dient als Untertitel seines Buches „Friede sei mit mir (& Dir)“, das in der Reihe „Der Grüne Zweig“ (Nr. 261) erschienen ist. Das Buch, so der Autor, wurde geschrieben, weil es wichtig sei, den Tatsachen in Hinblick auf die Veränderung der Kultur des Sterbens, ins Auge zu schauen. Pieper betont, es handele sich dabei weder um ein wissenschaftliche Anhandlung, noch eine autobiografische Erfahrung. Der Autor sammelt und verbindet andere Quellen und gibt ihnen den eigenen Rhythmus und Bedeutung.
Den Anfang macht die Definition des Todes, wobei die Formulierung des eigenverantwortlichen Abschieds eine zentrale Rolle einnimmt. „Wer loslassen kann, stirbt auch gelassener“ und „Du kannst nach dem Tod nicht besser sein, als Du im Leben geworden bist“ – schon alleine wegen der beiden Zitate, lohnt die Lektüre des Buches.
Seine Auseinandersetzung mit dem Tod geht über die vielen Facetten der Todesarten wie z.B. den psychogenen Tod. So wird das Sterben an ungeklärter Ursache bezeichnet, das immerhin auf jeden zehnten Todesfall zutrifft. Die Vermutung liegt nahe, dass in den Fällen die Psyche eine besondere Art des Suizids begeht. Mit anderen Worten, psychogener Tod ist die Selbsterlösung der Psyche, wenn der richtige Zeitpunkt (wie auch immer „richtig“ definiert wird) gekommen ist.
Nach einem Streifzug durch weitere Todesarten, der stellenweise in seiner Detailtreue den Leser verblüfft, beschäftigt sich Pieper mit der medizinischen Seite des Sterbens und den technischen Möglichkeiten es hinauszuzögern. Unweigerlich stößt man dabei auf den Begriff „Euthanasie“, der aus dem Griechischen kommt und so viel wie „guter Tod“ bedeutet. In Deutschland verwendet man, aufgrund der geschichtlichen Assoziation zur staatlichen Menschenvernichtung durch die Nazis, lieber das Wort „Sterbehilfe“. Mit dem Fortschritt in der Medizin nimmt der Begriff nicht nur an Bedeutung, sondern auch an Brisanz zu. Die Alternative zu sterilen Lebenserhaltungsmaßnahmen im Sinne des Gesetzes aber nicht unbedingt zum Wohle des Menschen, bieten die Palliativmedizin und die Hospitzbewegung, denen der Autor jeweils einen ausführlichen Beitrag widmet.
Im letzten Teil des Buches geht es um die Praxis – im wahrsten Sinne des Wortes. Sie beginnt mit einer sachlichen Zusammenstellung der gängigen Methoden des Freitodes, von A wie Abgasvergiftung bis V wie Vergiftung mit Medikamenten. Die Nüchternheit der Darstellung überrascht an dieser Stelle nicht, denn Pieper bekennt sich von der ersten Seite als Fürsprecher der freien Entscheidung über den Zeitpunkt und Umstände des eigenen Todes.
Nachdem der Tod eingetreten ist, unabhängig von seiner Art, sind die Angehörigen verpflichtet sich um die Bestattung zu kümmern. Hierzu erfahren wir die wichtigsten Schritte, vom ersten Kontakt mit Bestattern bis hin zur Haushaltsauflösung des Verstorbenen.
Den Platz auf den letzten Seiten schenkt der Autor einigen Zahlen und Statistiken rund um Leben und Tod. Selbstverständlich darf eine umfangreiche Quellenangabe, nachdem sich Pieper offen zum „Abschreiben“ bekennt, nicht fehlen.
Nun ja, 180 Seiten Material, damit der Friede mit uns sei. Ist er es?
Die Lektüre hat bei mir gemischte Gefühle ausgelöst. Werner Pieper hat sein Ziel, alles über selbstbestimmtes Sterben zusammen zu fassen, weitgehend erreicht. Doch für einen unvorbereiteten Leser, der sich noch nicht bewusst und intensiv mit dem Thema auseinander gesetzt hat, kann die rein sachlich-konstruktive Darstellung ein wenig befremdlich wirken. Gefühl, Emotion und Seele kommen hier nicht zu Wort. So könnte leicht der Eindruck entstehen, dass sie überflüssig wären. Das war sicher nicht die Absicht des Autors, denn wahrer Friede nur Seelenfriede sein kann.
Als Ratgeber, Aufklärer und Nachschlagewerk zum Thema finde ich das Buch erstklassig und nehme an, dass genau diese Eigenschaften viele Leser begeistern werden.
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P.S. Ein Nachtrag in eigener Sache. Heute Nacht ist ein naher Verwandter von mir gestorben. Er erlag einer schweren Krankheit und starb im Krankenhaus. Danke seiner Patientenverfügung begleiteten seinen Abschied weder Schläuche noch Maschinen. Er ging in Würde.










